Freiheitsliebe trifft Bürgertum: Marietta de Rigardo war die „exotische Frau“ an der Seite von Ludwig Thoma
„Mariquita“, „liebes Kätzlich“, „liebste Marion“, – so begann Ludwig Thoma die Briefe an seine Frau. Oft unterschrieben mit: „1000 Küsse, dein Luke“. Sie scheint die große Liebe seines Lebens, wenngleich die Ehe zerbrach. Beide blieben einander bis zu Thomas Tod herzlich verbunden. Verliebt war Thoma wohl vor allem in das exotische Flair, das seine Frau umgab.
Marion Thoma wurde 1880 als Maria Trinidad de la Rosa auf den Philippinen geboren. Ein genaues Datum ist nicht überliefert, wohl irgendwann im Mai. Ihr Vater, Karl Germann, ein Schweizer Kaufmann und Plantagenbesitzer, war zeitweise auch Konsul in Manila. Marias Mutter stammte ebenso aus Manila, „war aber Spanierin“, wie Marion Thoma in ihren begonnenen, aber nie vollendeten Lebenserinnerungen betonte. Der Vater kehrte in die Schweiz zurück, erkannte die Tochter an und holte sie zur Erziehung bei den Ursulinerinnen nach Zürich. Maria Trinidad de la Rosa fühlte sich ihr Leben lang zerrissen: „Ich war überall eine Fremde, unter den Europäern die Exotin, unter den Philippinos die ausländische Tochter. Ich habe immer zwischen den Stühlen gesessen.“ Als Ehefrau von Georg David Schulz, der in Berlin das Kabarett „Poetenbänkel im siebenten Himmel“ führte, wurde sie zum Star der Bühne. Auf den Programmzetteln pries man ihre Anmut: „Ein Tanagrafigürchen: braune Hautfarbe, schwarzes Haar, ein feuriges Kind.“
Der Ausdruck „Tanagrafigürchen“ war um 1900 eine beliebte Metapher. Die antiken Terrakottafiguren galten als Sinnbild weiblicher Schönheit, Anmut und Eleganz. So exotisch die Beschreibung auf den Ankündigungen, so überschwänglich die zeitgenössischen Kritiken. In der „Neuen Rundschau“ schrieb der Musikkritiker Oskar Bie im Mai 1905: „O Marietta, wer deinen schlanken Leib sah, wie er sich, vom grünen Kleid überhaucht, in süßer Lust warf, wer es sah, wie deine braune Haut sich spannt, deine Augen tanzlüstern brannten, der Kopf und die Arme mänadisch sich senkten und hoben in einer unwillkürlichen Harmonie ihrer Rhythmik, der weiß, dass alle Gesetze über die Opposition der Glieder und alle Choreographie der Drehungen vor diesem Zauber des lebendigen Lebens zu Papier werden“.
Auch der Ausdruck „mänadisch“ sollte nach damaliger Bildungsbürger- Lesart verstanden werden: Er leitet sich von den Mänaden ab, den ekstatischen Begleiterinnen des Dionysos in der griechischen Mythologie. Sie verkörperten Rausch, Hingabe, Wildheit und Verzückung. Der Begriff verdeutlicht, wie aufregend sie auf damalige Theaterbesucher, aber auch auf Künstlerkollegen gewirkt haben muss: 1904 schuf der Maler Max Slevogt (1868-1932) sein „Bildnis der Tänzerin Marietta de Rigardo“. Gemeinsam mit Lovis Corinth und Max Liebermann gehörte er zur Avantgarde der deutschen Impressionisten. Das gelbe Tuch, das sie auf dem lebensgroßen Gemälde trägt, hatte er ihr geschenkt. Sie sollte es ihr Leben lang aufbewahren.
Marietta war 25 Jahre alt und eine Berühmtheit, als sie 1905 in München Ludwig Thoma begegnete. Albert Langen („Simplicissimus“) hatte das Kabarett „Die elf Scharfrichter“ ins Leben gerufen und Marietta dafür engagiert. Am Vorabend brachte er sie und ihren Mann Georg David Schulz als Gäste zu einer Feier in Ludwig Thomas Wohnung mit.